Januar 2026: Derzeit erlebt die Ostsee einen außergewöhnlich niedrigen Wasserstand, wie er seit Beginn der systematischen Messungen im Jahr 1886 nicht mehr beobachtet wurde. Ursache ist eine seit Anfang Januar anhaltende Ostwindlage, die große Wassermengen aus der Ostsee über die dänischen Meerengen in Richtung Nordsee gedrückt hat. Infolgedessen fehlen der Ostsee aktuell rund 275 Kubikkilometer Wasser im Vergleich zum langjährigen Mittel. Dieses Defizit schafft besondere physikalische Bedingungen, die die Wahrscheinlichkeit eines starken Salzwassereinstroms aus der Nordsee deutlich erhöhen.
Ostsee kann sich durch Kaltwassereinstro erholen
Ein solcher sogenannter „Major Baltic Inflow“ tritt auf, wenn sich die Wetterlage ändert und über einen längeren Zeitraum kräftige Westwinde einsetzen. Dann wird kaltes, schweres und stark salzhaltiges Wasser aus der Nordsee durch die flachen dänischen Meerengen in die Ostsee gedrückt. Das Nordseewasser ist deutlich salziger als das vergleichsweise süße Ostseewasser und besitzt dadurch eine höhere Dichte. Diese Eigenschaft ist entscheidend, denn nur dichtes Wasser kann bis in die tiefen Becken der Ostsee vordringen, wo seit Jahren massive ökologische Probleme bestehen.
Ökologische Verbesserung in tiefen Becken
Das kalte Nordseewasser spielt dabei eine doppelte Rolle: Zum einen kann kaltes Wasser physikalisch mehr Sauerstoff binden als warmes. Zum anderen sinkt das dichtere Salzwasser in die Tiefe und ersetzt dort das oft sauerstoffarme oder sogar sauerstofffreie Tiefenwasser der Ostsee. Genau hier liegt der ökologische Nutzen: In vielen tiefen Bereichen herrscht seit Jahren Sauerstoffmangel, was zur Bildung von sogenannten „Todeszonen“ geführt hat, in denen höhere Lebensformen kaum überleben können. Ein starker Salzwassereinstrom kann diese Bereiche wieder mit Sauerstoff versorgen und so Lebensbedingungen für Bodenorganismen, Fischeier und Mikroorganismen verbessern.
Darüber hinaus kann das einströmende kalte Wasser die in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegenen Temperaturen im Tiefenwasser der Ostsee senken. Diese Abkühlung ist wichtig, weil hohe Temperaturen biologische Abbauprozesse beschleunigen, die zusätzlich Sauerstoff verbrauchen. Ein Zustrom von kühlerem, sauerstoffreichem Wasser kann diesen Teufelskreis zumindest zeitweise durchbrechen und das gesamte Ökosystem stabilisieren.
Westwinde sind erforderlich
Aufgrund der aktuellen Wetter- und Wasserstandslage schätzen Fachleute die Wahrscheinlichkeit eines solchen Salzwassereinstroms in den kommenden Wochen auf 80 bis 90 Prozent, sofern sich westliche Windlagen einstellen. Die Entwicklung wird engmaschig mit Messstationen und Forschungsschiffen überwacht, um frühzeitig erfassen zu können, wie sich Salzgehalt, Sauerstoffverteilung und Strömungen verändern und welche langfristigen Auswirkungen dies auf die Ostsee haben wird.



